INTERVIEW by KATYA TYLEVICH for ELEPHANT MAGAZINE NR.5, page 180-183 (www.elephantmag.com) dec. 2010:







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9.5.05
Interview: Stefanie Grebe (SG: Fragen kursiv) mit Frank Hülsbömer (FH)
für eine photographische monographie im "miedzy nami" magazin
SG: Wann hast Du mit Deinen freien Fotografien angefangen? Gab es einen
Auslöser?
FH: 1987, mit 18, habe ich zum ersten mal eine reise getan, deren ziel ich
nach ihrem photographischen interessantheitsgrad ausgewählt hatte. mit
resultaten, die mir bis heute nicht peinlich sind und meine faszination
für gelebte orte und unorte vorwegnahm und die ohne jegliche prägung
eines photokünstlerischen umfeldes stattfand:
liverpool, birmingham, bristol und brighton...
89 begann ich meine lehre und glaubte fortan mein glück in mode,
werbung und journalismus suchen zu müssen. dieses gefühl wurde in
meiner new yorker zeit noch beflügelt und hielt bis in das ende der
90er an, bis mir der komfort von genügend zeit und geld erlaubte,
vermehrt zu lesen, musik zu hören und zu schreiben und eine kehre nach
innen stattfand.
4 jahre in warschau ohne wirklich polnisch zu verstehen, verhalf mir
diese sprachisolation und eine ruhige wohnung zu einer art meditativen
stille und inspiration. gewissermassen fingen dann gegenstände und orte
an, laut mit mir zu sprechen. so fing ich an, meine spüle, räume,
schatten etc. zu photographieren. oft nachts. ....
Aus Deiner "Sprachlosigkeit" ist also eine Hinwendung zum
fotografischen Bild entstanden?
ja, zumal es gleichzeitig eine "hörlosigkeit" war. ich fing an, das, was
sonst im städtischen rauschen untergeht, verstärkt wahrzunehmen. die
nihilistische attitüde und im nächsten augenblick wieder die
enigmatische dichte des dinglichen fing fast an aufdringlich zu
werden. ein türspalt oder ein teppichmuster hatten plötzlich das
potential, mein leben aus der balance zu bringen. ein leerer grüner raum
lud mich ein mit und über ihn zu reflektieren. ein nächtlich
illuminiertes fenster wurde zur grossstadt-lyrik. in momenten solch starker emotionaler ekstase öffnen sich
schichten im dazwischen und ich entdeckte das medium photographie als
einen transformator.
es kristallisiert den lyrisch-philosophischen moment wie kein anderes.
(tatsächlich sind ja die wesentlichen -weil lichtempfindlichen-
bestandteile einer filmemulsion kristalle.)
Deine Bilder entsprechen also einer Beschreibung deines Zustandes?
es handelt sich um eine vokabularerweiterung. wer die photographie
nicht als eigenständige sprache sehen will, sollte zumindest begreifen,
dass sie unsere wortspache um bezeichnungen, begriffe bis hin zu
beschreibungen ergänzt. im deutschen gibt es zum beispiel keinen
einzelbegriff für "die phase zwischen wach und schlaf" (vgl. "The
Kingdoms of Elgaland-Vargaland", Universal Maschine_01). schwieriger
wird es noch, will man diesen begriffslosen gegenstand differenzieren.
in der photographie ist das nicht nur möglich, sondern es kann
komplexes sehr kurz und nachhaltig kommuniziert werden.
ich muss darstellbares denken und denkbares darstellen oder denkbares
wirklich überhaupt mal zu denken versuchen. die tatsächliche
darstellung der gedanken als photo bringt dann oft noch weitere
interessante schattierungen und bedeutungen hervor, wo sich doch
schreibende menschen gerne über einen semantischen verlust bei der
übertragung ihrer gedanken in worte beschweren.
es ist aber eben auch wie in den wortsprachen eine hohe präzision und
semantische sorgfalt notwendig, ein sichabwenden von prinzipienkulturen
und die überwindung von clichés von verziehung (
ich meine (v)erziehung, wie fehl-erzogen aber das ist vermutlich gar
nicht übersetzbar) , falscher prägung.
meine grösste furcht ist, in fotografische floskeln zu verfallen.
letztendlich läuft es darauf hinaus. ich lege mich abends schlafen und
frage mich: sind symmetrien, zentralperspektiven, das ausgleichen
stürzender linien... nicht billige tricks so wie der 3/4 takt in der
musik, die dem sinn für derartiges im ästhetischen empfinden fast jedes
menschen tribut zollen?
ist es schon kitsch und ist die menschliche solitude-sentimentalität
überstrapaziert, wenn ich den urbanen raum menschenleer und reizarm
darstelle und mit dieser tristesse den empfänglichen menschen anrühre,
wie ein rattenfänger? ginge es anders? wie sähe diese photographie aus?
gibt es sie schon und ich lese sie nicht heraus? bin ich visueller
analphabet, der seinen mund wie ein syncronisierter schauspieler
bewegt? ist abstraktion eine lösung? chiffrierung? entblößung?
Bitte erzähle, wie Du frei fotografierst.
ich sehe mehr, als ich apriori konzipieren könnte. ich werde dann
schnell aufgeregt so z.b. als ich die gerüstkonstruktion der berliner
bauakademieatrappe sah.
ich bin eh sehr im thema "berliner schlossplatz" durch meine arbeiten
für die süddeutsche zeitung. die bedeutung dieses projektes wuchs sehr
schnell in mir und so habe ich einen tag lang versucht zu vermeiden,
vom gerüst zu fallen, indem ich mich bemühte
meinen photoautismus zu kontrollieren, denn ich vergesse mitunter meine
umgebung beim akt des photographierens. kürzlich glaubte ich mich bei
meinem assistenten in paris dafür entschuldigen zu müssen, ihn den ganzen
tag praktisch wieluft oder eben gar nicht behandelt zu haben. er gab an, es sehr
interessant gefunden zu haben. eine solch autistische arbeitsweise und
konzentrierte atmosphäre hatte er so bisher nicht erlebt. franzosen
sind höfliche menschen, die sich ausserdem sehr darüber amüsieren, wie
sie auf deutschen plakaten in kampagnen französischer tabakwaren
dargestellt werden.
Das heißt, Du arbeitest nicht konzeptionell?
wenig. ich lasse mich eher anrühren und unterziehe meine inspiration
der langen tortur einer ausgiebigen überprüfung. oft noch nach dem
belichten und wieder bei jeder betrachtung
Gehst Du manchmal durch die Stadt auf der Suche nach Orten, die Du
fotografieren willst?
am liebsten auf meinem forstgrünen hollandrad. man hat eine gute
übersicht und kommt zügig voran!
ein mensch, der sich längere zeit in einem weissen fensterlosen zimmer
ohne kontakt zur aussenwelt aufhielte, hätte bald nichts mehr zu
erzählen. ihm ginge der denkstoff aus. die flächen, die auf mich
abstrahlen und auf die ich zurückprojeziere sind städtische, meist
ungeplante orte. urbane sichtachsen auf menschliche absurditäten, auf absenzen
oder strukturen der ungewissheit. ich brauche
diesen diskurs mit der stadt oder zumindest literatur zum thema, so wie
ich durch interessante gesprächspartner oder zeitungsartikel angeregt
werde. selbst durch das missverstehen eines satzes kam ich schon zu
unverhoffter inspiration. ich nehme was kommt. gerne auch die inneren
peripherien berlins.
Hast Du eine/n LieblingsmalerIn / FotografIn / MusikerIn / DichterIn,
PhilosophIn, die Dich inspiriert?
...
Fischli/Weiss. ich mag ihren humor und ihre gleichzeitig sehr
ernsthafte auseinandersetzung. Demand kommentarlos.
Duane Michals' psychologie ist interessant umgesetzt.
Sugimoto ist technisch und ästhetisch herausragend.
...amon tobin, henze....
ingeborg bachmann liebe ich für ihre zartes auftreten, ihr feines
gespür, ihre offene zerbrechlichkeit. sie ist geheimnisvoll ohne
künstlich zu mystifizieren ("der gute gott von manhattan"). sie ist ein
grosses vorbild.
Joyce, weil er authentizität in der literatur und kunst überhaupt
erfunden hat und so präzise vorbehaltslose bilder vom inneren seiner
charaktere zeichnen konnte.
philosoph? als ich in new york lebte, schloss ich mich eine weile dem
kantkreis an. ich wollte mein englisch aufpolieren und eine philosophin
zur frau finden, aber meine angelsächsischen Kantianer waren für beides
gänzlich ungeeignet. auch in berlin habe ich ein paar seminare besucht.
einige mystiker fand ich sehr drollig, denn ich merkte, wenn ich "gott"
durch "photographie" ersetzte empfand ich mich nicht mehr als so
unspirituell. mein erkenntnislevel befindet sich also noch im
mittelalter und ich freue mich gerade auf die neuzeit.
Gibt es einen Titel für Deine Fotografien, der über alle Arbeiten paßt?
es müsste das verbindende überthema meiner arbeiten sein. es fällt mir
schon schwer einzelne arbeiten zu betiteln. gefühlte bedeutung kann ich
schlecht in worte fassen oder kurze formeln pressen. zudem fehlt mir
die distanz. hast du eine idee?
Nein, ich habe auch nur eine Ahnung, spüre aber ganz deutlich, daß es
um einen inneren Raum geht, der sich in der Wirklichkeit gefundenen
und fotografisch verdichteten Orten widerspiegelt. Und das ist genau
ein non-verbaler Raum.
Hast Du vielleicht bedeutsame Einzeltitel?
ich gebe meinen bildern nie titel. nur arbeitstitel, die zu meiner
persönlichen kurzweil angelegt sind. so habe ich ein motiv mit fernseher
ohne bild "TV looking for entertainment" oder eine arbeit mit einem
kleinen neanderthaler auf dem alexanderplatz "boys are back in town" genannt.
Mir gefallen deine unverstellten, direkten Blicke, die Du in Deinen
Fotografien auf die Wirklichkeit wirfst. Obwohl Du genau vorgibst, was
es zu sehen geben soll, habe ich als Betrachterin doch einen Freiraum
in der Wahrnehmung Deiner Bilder. Erzählerische Elemente sind rar oder
gar nicht vorhanden. Manche Bilder könnten aus einer Dokumentation
stammen. Was dokumentierst Du?
es geht mir in der fotografie nicht um dokumentation.
lediglich der stil ist dokumentarisch, um künstliche mystifizierungen zu vermeiden.
ich glaube, ich dokumentiere meine zwiegespräche mit meinem umfeld, die
auch ein bisschen was von selbstgesprächen haben. ich bemühe mich, teile
des kollektiven unbewussten und meine versuche, unterbewusstes in
schwingung zu versetzen, aufzuzeigen
Wenn ich Deine Bilder betrachte, fällt mir ganz besonders die immer
wieder auftauchende Bühnenmetaphorik auf, die Du benutzt. Ist das bewußt so gesucht und
gefunden?
es ist entweder zufall oder unterbewusst. bühnen sind
projektionsflächen. und damit hat letztendlich alles zu tun.
vor mehr als 4 menschen kann ich kaum frei reden, ohne in nervöse
atemnot zu geraten. trotzdem möchte ich mich vielleicht einer grösseren
menge mitteilen. so zu sagen auf einer bühne stehen... das geht aber
schon etwas richtung psychoanalyse. davon würde ich selber gerne mehr
verstehen.